Sie ist da, krallt sich in den Nacken, lähmt die bereits erhobene Hand über der Tastatur und erstickt unsere Lust an Kreativität.
Da noch immer dieser blöde Spiegel an der Wand hängt, ist die Trennlinie zur Selbstbespiegelung sehr dünn. Besser also, ich setze mir eine Perücke auf, klebe mir einen falschen Bart an und krame in der Tischlade nach der Sonnenbrille feinster Massenwarenoriginalität.
Ja, so kann's gehen. Ich erkenne mich selbst nicht mehr; offengestanden selbst meine leibliche Mutter erkennte mich nicht mehr in diesem Zustand. Wenn ich jetzt mein durchschnittliches, grässlich unprofessionnelles Foto, das ja schon dummerweise mehrfach veröffentlich wurde und sogar Preise eingeheimst hat, veröffentliche, ist es meine abstruse zweite Scheinexistenz, die negativ auffällt.
Denn schon einfach dieser verhängnisvolle Griff zur Maus, das freche Hochladen eines Fotos oder einer so schrecklich naiven Zeichnung ist une lèse majesté, eine Majestätsbeleidigung für die waren, die reinen Kunstkenner. Solche kleinen Spielereien sind klassisch, nichts besonderes, das berührt in diesem Gefühl der spätrömisch-dekadenten Saturiertheit höchst unangenehm; es ist doch schrecklich banal, so primitiv oder, weil nicht initiiert (und in der Sprache der franc maçon) profan.
Ja, ich bespiegele mich jetzt selbst, schaue mich Achtung erheischend um, wie der lokale Abgeordnete der Nationalversammlung es immer Sonntagmittag im Restaurant macht - Schaut her Leute, ich bin's, sagt etwas, sagt, dass Ihr mich liebt, bitte, wenigstens das! - Warte auf die Lobeshymnen.
Doch nun, was geschieht, wenn ich mich nur mitteilen möchte, und die andere vergessen haben, dass in dem ach so profanen Verb «mitteilen» eigentlich das Zeitwort «teilen» steckt? Einfach nur auf Reaktion und vor allem Kommentare warten, um zu kommunizieren in dieser Welt der atomisierten Individuen. Einfach fragen, ob der andere das selbe empfinde, oder etwas ganz anderes, was er sehe und woran er denke.
Das Verdikt fällt wie das Fallbeil: Selbstbespiegelung, Anerkennung, mein orgueil befriedigen, ihm Auslauf gewähren. Prompt ist sie wieder da, diese Angst. Besser vielleicht, ich lass' es sein, bleibe in meinem Kämmerchen. Die anderen bestimmen, was kulturell wertvoll ist, und wann etwas Kunst ist und wann nicht. Es ist der Reiz des deutschen hoheitlichen Handelns.
Doch halt! - habe ich mich nicht unkenntlich gemacht? Ja, doch, niemand wird mich treffen können, das wird der andere sein, da im Spiegel, den's erwischt.
Ein guter Reflex, denn ganz eigenartig, durch eine winzige Seitentür ist die Intoleranz hereingeglitten und hat die plakativ vorangetragene Toleranz beiseite geschubst, hat sie so lange getreten, bis diese, schwer an ihren Wunden und Prellungen leidend, davongeschlichen ist.
Unbeachtet geblieben ist in diesen Betrachtungen das Zensurschwert des Faktischen, der immer enger werdenden juristischen Grenzen.Angst, furchtbares Zittern, denn vielleicht ist «Zensurschwert» bereits eine eingetragene Marke, ein Produkt, für dessen Konsumation Werbung zu machen sich verbietet.
All das lässt mich frösteln, nicht für mich, denn ich habe mein Leben gemacht, weiss, was ich wert bin, nein, für die anderen, die jüngeren, die erst am Anfang stehen, die kreativ sein wollen.
Sie leben bereits oft, zu oft und zu einem grossen Teil in der Welt des Virtuellen, der Communities, der Foren und der Blogs. Dort ist der andere nicht wirklich existent, und seine Verletzbarkeit eine zu vernachlässigende Grösse. Das scheinbar reale Leben kommt aus dieser unendlichen Menge von Bits und Bytes, die Anerkennung ist der Kommentar auf dem Bildschirm, der Verriss auch.
Ach es ist so leicht, den Scharfrichter zu geben, denn nur die wenigstens haben sich, aus welchen Gründen auch immer (honi qui mal y pense), demaskiert, segeln mit all dem, was sie sagen, was sie denken und, surtout, was sie schaffen und ihrer eigenen unverwechselbaren Flagge.
Und das Leben nach dem Internet? Es scheint nicht wirklich zu existieren, ist reduziert auf die tägliche Fron, denn sie sich auch wirklich einstelle, die merkantilen Abwicklungen, denn sie nicht schon längst vom Internet vereinnahmt worden sind, und - last but not least -das Stück Natur vor dem Fenster.
Angst fressen Kreativität auf. Eigentlich müsste ich jetzt lachen, mais, hélas! - c'est un rire jaune.
Au plaisir? Réponse normande?
Bewusstseinswandel steht auf Liebe.
Angst wird mehr und mehr negiert.
Und plötzlich platzt Kreativität aus allen Nähten.
Unmaskiert :-)
...le rire jaune - als Fazit einer, die die Erkenntnisse und Einsichten von @Vorace53 unterschreibt.
J'étai convaincue qu'il comprenne et en fait.....
Errare humanum est, @EmmiKlemm. Aber ich lasse mich sehr gern korrigieren, denn auch der Irrtum kann sehr produktiv sein; ausserdem werde ich manchmal auch von der Sorge geplagt, irgendwo recht haben zu können oder zu müssen.
Alors - en avant!
Ja, @ghic.
Gelb kann schmerzhaft sein.
Bei aller Ernsthaftigkeit: plaisir gehabt, rire im Stillen- he´las , jaune noch nicht...