Von Leipzig nach Berlin sitze ich in einem VW-Bus. Kein echter Siebzigerjahre VW-Bus sondern einer der Zweitausenderjahre. Kann man das so sagen? Zweitausenderjahre? Nicht mal der Grimm kann einem bei diesem Dilemma helfen. Ich meine die Nullerjahre würden ja zutreffen, bei all den Nullen die sich in den ersten 10 Jahren, des neuen Jahrtausends in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur hervorgetan haben, deshalb zum Beispiel, habe ich es vermieden im ersten Jahrzehnt erfolgreich bzw. prominent zu werden, denn dann hätte ich zu den größten Nullen gehört und diese Ehrenbezeugung wurde mir schon während meines Schülerdaseins ein ums andere Mal zuteil und dieses Gefühl kennend und nicht mögend, verzichtete ich also wohlweißlich darauf zu den größten Nullen zu gehören. Aber ich schweife ab.
Zurück in den vollbesetzten Bus. Das Publikum war, euphemistisch gesagt leicht klischeeverdächtig. Ein schweigsamer Araber, der bei jedem Telefonat mindestens vier Mal ttttt machte und den die beiden Bornaer Mitfahrer bei jedem ttttt mit Angst betrachteten, die beiden besagten Bornaer, die Berlin mal bei Nacht erleben wollten aber in einem Hotel in königswusterhausen Quartier beziehen wollten. Dann war da die Ethnologiestudentin, die auch nach der Abschlussarbeit noch in ihren Büchern las, Federn an der Halskette hatte und so laut Brian Adams mit Kopfhörern hörte, dass man jedem Lied wunderbar lauschen konnte. Nicht fehlen durfte die welterfahrene junge Frau, die aller fünf Minuten jemanden anrief, und immer englisch sprach, obwohl ich glaubte, dass wenigstens zwei der Angerufenen sagten, sie soll doch bitte aufhören englisch zu quatschen, so aber ist das, wenn man ein Austauschjahr in South Carolina gemacht hat und jetzt allen beweisen will wie toll man englisch spricht. Ein junger Mann mit langen schwarzen glatten Haaren, der einen recht deprimierenden Eindruck machte, nichts sagte und umgangssprachlich als Emo klassifiziert wird, saß vorn neben dem Fahrer, um mit niemandem kommunizieren zu müssen. Also er war ein Emotionaler, wenn ich das richtig verstehe, nur wenn die Emos emotional sind was sind dann wir? Hysterisch? Oder heißt Emo emotionslos? Auch wieder eine Frage die der Grimm nicht vermag zu beantworten. So ist das eben, wenn man auf Wikipedia verzichtet, weil es irgendwie abstrus ist, wenn man von einem Milliardär angebettelt wird. Der Fahrer, der nicht so cool oder gechillt war, wie jene Fahrer, von original Siebzigerjahre VW-Bussen, schimpfte wie ein Kesselflicker, tat sich groß und zog über die Pleite der Griechen und Spanier her. Auf die Entgegnung, dass deren desaströse Finanzlage zu 50% die Schuld eines Bankenverbandes sei, der seinen Hauptsitz in Deutschland hat, lachte er nur und sagte: "Ja klar, die Deutschen sind wieder schuld!" Gut, man muss zugeben, dass in Griechenland nur Gebäude besteuert werden die fertig gebaut sind und wenn da jetzt ein Drittel der Regenrinne fehlt, muss der Besitzer nicht zahlen und man bekommt Rente, auch wenn man schon 10 Jahre tot ist, aber nichts destotrotz haben die Teufel von Goldman Sachs ihre gierigen Finger im Spiel gehabt und da verdienen die nicht nur an den Krediten sondern auch an den Staatspleiten. Nebenbei bemerkt, sind diese Herren justament die Finanzexperten von Frau Merkel und einer der Vorstände ist in Italien Finanzminister. Dass man das aber nicht versteht, wenn man die Bildzeitung liest, ist ja klar. Aber, ich schweife schon wieder ab.
Nun waren da noch meine Gattin und ich. Sie war, wie es sich für eine hungrige müde Frau gehört, schlecht gelaunt und schlief und ich hatte meine helle Freude am eintreffen, all der Klischees. Irgendwann fiel dann natürlich der Satz der zu jeder Mitfahrgelegenheitsfahrt gehört: "Seit ihr schon oft mit der Mitfahrgelegenheit mitgefahren?" Natürlich sind alle schon mal mit einer Mitfahrgelegenheit mitgefahren und natürlich waren die Mitfahrgelegenheiten vorher alle viel schrecklicher und was man da für Typen getroffen hat, ach das glaubt man gar nicht! Einmal war der Fahrer so ein schlecht gelaunter Typ, der die ganze Zeit geschimpft hat. Einmal war da so ein Emo der die ganze Zeit düster aus dem Fenster geschaut hat. Einmal war da so ne Trulle, die die ganze Zeit telefoniert hat. Einmal war da so ein Typ mit dämlicher Schirmmütze, der alles gleich aufgeschrieben hat. Blablabla und natürlich klingelt wieder das Telefon der Kosmopolitin für Arme, sie kann aber diesmal nicht englisch reden, weil die Mutti dran ist, die ihr sagt, dass sie ihre Zahnbürste vergessen hat und dann, kommt alles ganz anders.
Das Telefon des arabischen jungen Mannes der, wie sich herausstellt ein Syrier ist, klingelt wieder, wieder macht er ttttt, diesmal ruft er aber Scheiße, Scheiße, Scheiße! Ohne dass jemand gefragt hätte, erzählt er, dass das sein Cousin war und der sagte ihm, das Dorf in Syrien, in dem seine Verwandten leben, sei eben von Assads Truppen bombardiert worden, das Haus ist komplett zerstört und keiner weiß genau wie es der Familie geht. Der Stau, die Grünphasen, das Lehrbuch, diese kleine Episode und alle anderen privaten Eitelkeiten waren plötzlich unwichtig, Die kurze Stille war ohrenbetäubend. Plötzlich zeigte sich, dass der Mensch neben all dem Unsinn mit dem er sich umgibt, fähig ist warmherzig, einfühlsam und emphatisch zu sein. Leider meist nur dann, wenn es ganz hart kommt. Diesmal, weil der Krieg der eigentlich so weit weg ist, plötzlich ganz nah war, weil er mit uns im VW-Bus nach Berlin fuhr.