Eine Frage an alle ehemaligen Hermann Hesse-Fans oder solche, die es heute noch sind
Die Tage habe ich die Biographie über Hermann Hesse von Heimo Schwilk gelesen, erschienen im Frühjahr bei Piper. Meine Güte, der Hesse war ein ganz schöner Psychofall, das war mir vorher nicht klar. Oft am Rande des Nervenzusammenbruchs. Interessant aber, wie er sich durch seine Selbsterfahrungstrips immer wieder aus der Depression herausgezogen hat. Ich meine, die Auszeiten, die er sich genommen hat, wie seine große Indienfahrt. Und ganze Wochen verbrachte er einmal bei einem Guru in den Tessiner Bergen, wo auch gerne nackt gewandert wurde. Oder seine Rauschexzesse bevor er den Steppenwolf geschrieben hat. Diese Selbsterfahrungstrips hat er dann auf ganz eigene Art in Literatur umgemünzt und schon damals, vor und nach dem ersten Weltkrieg, den Nerv der Zeit getroffen.
Neu für mich war auch, dass er nicht von Anfang an der Pazifist war, als den man ihn gemeinhin in Erinnerung hat, sondern sich im August 1914 zunächst einen raschen Sieg Deutschlands herbei gewünscht hat. Sehr früh hat er die Schweiz als Heimat gewählt und bei seiner Beerdigung vor 50 Jahren trugen seine Söhne die Schweizer Uniform. Gerade durch seine Zerrissenheit, durch seine Widersprüche finde ich Hesse spannend. Und insofern habe ich diese Biographie auch mit Gewinn gelesen.
Aber kann man auch heute noch - als Erwachsener oder selbst als Heranwachsender - Hesses Romane und Geschichten mit Gewinn lesen? Ehrlich gesagt, habe ich da meine Zweifel, ob das nicht alles doch ein bisschen zu kitschig ist. Zum Beispiel Narziss und Goldmund, diese Geschichte einer mittelalterlichen Freundschaft … Trief, trief, trief. Klar habe ich das in meiner Jugend mit wahnsinniger Begeisterung gelesen. Gibt es überhaupt einen Roman von Hesse, den ich damals mit 14, 15 oder 16 nicht verschlungen habe?
Besonders der "Demian" hatte es mir angetan. Und ich glaube, wenn es einen Roman gibt, der heute noch funktionieren könnte, dann wäre es am ehesten der "Demian". Oder?
Vielen lieben Dank für die vielen Wortmeldungen auf meine Anfrage: Ich stelle fest, dass das Votum (bis auf Reinhard Dens mit seiner – wie ich finde - ein bisschen zu harschen Kritik an Hesses Lyrik) doch sehr einhellig ausgefallen ist: Hesse ist und bleibt – auch 50 Jahre nach seinem Tod - ein ganz wichtiger Schriftsteller. Von vielen seinen Lesern nach wie vor bewundert und verehrt. Ein schönes Umfrage-Ergebnis.
Nach dem gestrigen Fernsehabend mit Hermann Hesse Verfilmung "Die Heimkehr", arte,
muß ich meine Meinung wiederholen : unbedingt.
Egal, was irgendwann einmal über Hesse gesagt werden würde. Mich berührt er tief und macht mich ganz ruhig. Zwei Dinge besonders- seine Suche und seine mitunter sehr romantischen Beschreibungen natürlicher Erscheinungen sowie menschlicher Situationen, die sich meist zwischen Leid und Liebe bewegen. Hermann, je t'aime encore..
Ich begann Hermann Hesse bei der Armee zu lesen. Bücher von ihm standen in der Bibliothek. Bei der Lektüre konnte ich den Armeealltag etwas vergessen.
Unbedingt.
Sein Gedicht "Im Nebel" ist heute noch genau so treffend...
Für beeindruckende Zitate ist H. Hesse noch immer gut, z.B. aus dem Gedicht Stufen.
+++ Urheberrechtsverstoß +++ Gedicht unter http://www.lyrikwelt.de/gedichte/hesseg1.htm zu finden +++ geändert durch das meinFIGARO-Team
Es ist schön zu lesen, dass Herr Noelke von mdr-figaro Hermann Hesse noch so gut in Erinnerung hat. Es war bei mir nicht unähnlich: Mit dem "Steppenwolf" begann 1984 während meiner Armeezeit etwas, das mich süchtig nach allem, was Hermann schrieb, werden ließ. Herr Hesse hat in meiner Bibliothek einen Ehrenplatz (neben Goethe, Stifter, Storm etc.). Er schrieb Erzählungen und Romane, in denen ich völlig versinken konnte, an seinen wundervollen Bildern lernte ich das Aquarellieren. Ich kann mich jedoch nicht dazu herablassen, Hermann in die Ecke des literarischen Kitsches zu verbannen - es braucht eine gewisse Bereitschaft, sich auf die Sprache der jeweiligen Zeit einzulassen; man müsste Goethe, Storm... sonst in ebendiese Ecke stellen. Vor einiger Zeit las ich Goethes "Werther" und musste feststellen, wie ungeheuer modern er für seine Zeit war. Hermann hat mir einige meiner allerbesten Lesestunden bereitet. Die Wahrheit der Verse aus dem wunderbaren "Glasperlenspiel" durfte ich selbst erfahren:
Wir sollen heiter Raum um Raum durschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,...
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Ja, Hermann Hesse, der meistgelesene deutsche Autor weltweit, war auf Grund seiner Lebensbrüche ein äußerst interessanter, weiser Literat und wurde mir zum "älteren Bruder". Demnächst lese ich irgendeinen Hesse-Roman wieder (und noch einen, und noch einen???)...
Man sollte Hermann Hesse schon deshalb wieder lesen, um sich der Gefühle seiner Jugend (wenn Hesse tatsächlich nur ein Dichter für die Jugend wäre, was ich bezweifele) zurück zu erinnern. Für viele sind Gefühle schon "Kitsch" und mir sind Meinungen begegnet, dass Liebe ohne Gefühle viel besser wäre, weil Gefühle weh tun können. Was ist das wohl für eine "Liebe" und was müssen das für Typen sein, die Liebe nur ohne Schmerzen haben wollen?
Vielen Dank ghic.
Jede Zeile unterstreiche ich.
Der eigene Geschmack wandelt sich genauso wie der Geschmack einer Gesellschaft - auf allen Gebieten, die Literatur eingeschlossen. Ein Glück, denn nur dann entstehen neue Ideen und neue Werke und werden somit Zeuge einer steten Entwicklung. Aus dem Grunde jedoch, das Alte ablehnen und entwerten zu wollen, finde ich traurig und nicht sinnvoll.
Hermann Hesse war und ist im Grunde genommen ein Schriftsteller für die Jugend. Und doch können seine Werk einen noch im Alter immer wieder berühren. Kitsch? Nein, bitte, mit welchem Recht würden wir das sagen dürfen? Suchen Sie weiter, Herr Noelke, in den Biographien großen Dichter und Denker, und sie werden gleiche oder ähnliche Brüche, manches Mal sogar noch schlimmere finden.
Hesse kann berühren, immer noch. Ihn damit kleiner machen zu wollen, weil im Nachhinein sein Verhalten unseren heutigen Vorstellungen von Moral und allumfassendem moralischen Verhalten nicht mehr ganz entsprechen? Die damaligen "Tessiner Nackten" sind doch längst eine Selbstverständlichkeit der Geschichte, Ähnliches fand man auch unter den Malern der damaligen Zeit. Neurosen à la Hesse auch. Wie sehr verbinde ich denn das Werk mit dem Künstler?
Ich mochte Hesse, doch vor Jahrzehnten mehr als heute, Demian war neben Narziß und Steppenwolf, eines der berührendsten und lehrreichsten Werke Hesses für mich. Seine Gedichte sind immer noch Geschenke für meine Seele, wenn ich sie lese.
Wenn ich einmal die Augen für immer zu mache, wünschte ich mir folgende Worte aus Hesses Baccarole als Abschlußworte für mein Leben:
".....meine Segel sind entschlafen
in der warmen Mittagsglut.
Meine Wünsche sind im Hafen
und mein Ruder ruht."
Die Sprache ist nicht meine, trotzdem habe ich den Steppenwolf und zwei drei andere Erzählungen gern gelesen. Der Erzählstil war vielleicht dem Zeitgeist entsprechend, dazu bin ich vielleicht nicht gebildet genug, um mich dadurch vom Inhalt ablenken zu lassen. Und die Gedichte @ReinhardDens, wenn man sucht wird man endlos weitere bedeutende Lyriker finden können, die auch Selbstvertändliches vielleicht mit anderen Worten niedergeschrieben haben und heute mit tränenden Augen rezitiert werden. Das ist doch alles relativ. Hesse wird ja gerade heute gelesen, weil er, wie ich finde, auch etwas am Seichten entlanggeht, es aber anders verarbeitet. Deshalb scheiden sich vielleicht die Geister auch an ihm.
wieso habe ich diesen blog übersehen . ??
ich habe mit .siddharta. angefangen hesse zu lesen . und mir gefiel diese literatur als 20jährige .. ich habe mit .demian. und dann mit .narzis und goldmund. weitergemacht (wenn es einen gottesdienst gibt, dann muss es auch einen teufelsdienst geben. hat sich mir ins unvergessene eingegraben) ..
ich liebte seine spache und wie er sich in bis ins nerv eines seins verlieren konnte ... aber ich war immer unglücklich . er hatte nie einen abschluss in seinen erzählungen
und ich fand es nie befriedigend, mir dieses ende selbst zu erklären .. warum schreibt jemand, wenn er keine vollendung findet ?? für mich, wird er unglaubwürdig
ich versuchte es mit .das glasperlenspiel. und mein bemühen wurde anstrengend, bis ich das buch quer über das zimmer schmiss und schrie: hesse ich lese dich nie wieder ....
ich habe mich daran gehalten und bleibe dabei ... er schreibt wundervoll . er schreibt über das menschliche ....... er findet keinen abschluss . und hat erst am ende nichts zu sagen .
wenn jemand über gefühle schreibt, muss es nicht triefig sein ..
nur weil wir heute so gefühlsüberladen mit aggression und destruktion sind ( in welchen film kommen keine gewaltszenen vor ? ) und dabei unsere scheuen und zarten gefühle weggepustet werden ...
wer hesse als gefühlstriefig bezeichnen mag .. den mag ich als senisibilitätsunterkühlt bezeichnen
und wer sagt, dass das was ein künstler oder mensch gut macht, immer gut macht . egal dann, was er macht .............................................
Hatte vor ein paar Tagen den "Steppenwolf" ( alte, vergilbte DDR- Taschenbuchausgabe) in der Hand. Also ich weiß nicht... Einerseits schwülstig ohne Ende, andererseits psychologisch durchaus wertvoll. Muss man sich eigentlich nicht antun...
Auch ich habe die Novellen und Romane von Hermann Hesse über alles geliebt. Gerade Narziß und Goldmund und, na klar, auch den Siddharta und den Demian. Da war ich vielleicht 15, 16 Jahre alt. Dann haben wir in der Schule Kafka und Camus durchgenommen. Und da war es dann bei mir allmählich vorbei mit der Hesse Begeisterung. Ich weiß noch, dass ich mir dann mit 18 noch mal das „Glasperlenspiel“ zugelegt habe, aber nicht über die ersten 50 Seiten hinaus gekommen bin.
Seitdem habe ich – ich gestehe – nix Größeres mehr von Hesse gelesen. Ganz oft begegnen aber einem natürlich seine Gedichte. „Im Nebel“ zum Beispiel:
Seltsam, im Nebel wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
So eine Art von Lyrik geht ja nun heute gar nicht mehr, finde ich. Das taugt ja noch nicht einmal fürs vorpubertäre Poesiealbum. (Falls es das heutzutage noch gibt.) „Einsam jeder Busch und Stein. Kein Baum sieht den anderen“: was ist das denn für ein einfältiger Quark?! Sicher konnte man das schon damals, als es geschrieben wurde, nicht wirklich ernst nehmen und hätte einen richtigen Dichter wie Georg Trakl zum Beispiel bestimmt wieder mal an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht. Oder genauso ein infantiler Schwulst: das Gedicht „Stufen“:
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern….
Und so fort. Reim dich oder ich fress Dich, könnte man meinen. Die Blüte welkt und auch die Jugend (was auch sonst) und auf Jugend reimt sich natürlich Tugend (was auch sonst). Bitte mal ehrlich: Gehört nicht auch dieses Gedicht auf den Schrotthaufen der Literaturgeschichte? ….
Geschmackszügler für mich nicht....
Ja- ich denke schon - Hesse hat entsagt - um frei im Geiste zu weinen - Er wäre demzufolge ein sehr schlechter Fähnrich seiner Zeit gewesen
Hallo,
Hesse war und ist in der Mehrzahl seiner Werke kein Kitsch (obwohl man da erst mal Kitsch definieren müsste).
Gerade Narziss und Goldmund hat mich als junger Mensch sehr beeindruckt. Das kann ich zwar auch von Karl May sagen, den ich mittlerweile wirklich als Kitschautor sehe, aber lasst mir den Hesse in Ruhe! ;-)
Und , wie Barbara w.u. schrieb, Siddhartha ist einfach großartig.
Gruß jml
Die Bücher, im Besonderen die Gedichte von Hermann Hesse sind für mich Wegbegleiter.
Sein Sinn für die Sprache der Natur ist wie ein zu sich selbst finden.
Daraus wächst das Miteinander.
"Sprache" ist ein ganz besonderes Gedicht für mich.
Es sagt auf seine Weise alles.
+++ Urheberrechtsverstoß +++ Inhalt durch Communitybetreuer entfernt +++
http://www.nicola-berger.de/images/gedicht2.pdf
http://youtu.be/Bq4r-HcRQ5I
Ist alles was "trief,trief,trief"-trieft ist Kitsch - Oder? In vielen Bücher trieft es von Blut...........
Das lasse ich mir doch lieber - wenn es denn tatsächlich so sein sollte - von Hermann Hesse etwas "vortriefen"....;-)
Leider kenne ich nicht viele Bücher von Hesse, aber seine Gedichte gefallen mir. Und das Buch "Siddhartha" (Eine indische Dichtung) finde ich großartig. Hier erzählt er die fiktive Lebensgeschichte Buddhas. Diesem Buch kann man sehr wohl viele Lebensweisheiten entnehmen, gleich welcher Konfession man angehört. Also - keinesfalls Kitsch!
Da gibt es eine Verbindung zum Thema:
http://meinfigaro.de/inhalte/07da84064e3c3b0e
Für viele "nüchterne Rationalisten" ist Gefühl bereits "Kitsch"..........
Meine letzte Hesse-Lektüre war: Die blaue Ferne. Reisebilder und Naturbetrachtungen und seine Briefe.
Da konnte ich keinen "Kitsch" entdecken............
Ich glaube nicht, dass man Hesse als Kitsch bezeichnen kann. Ich halte mich auch meist zurück, Biographien zu lesen. Ich lese lieber direkt, was der Autor schreibt und mache mir mein eigenes Bild.
Zur Frage, ob man heute als Heranwachsender noch Hesse lesen kann, vielleicht nur ein Beispiel: Mein Sohn, der während der Pflichtlektüre in der Schule Hesse hasste, der kam ein paar Jahre später plötzlich auf den Geschmack daran.
Eine Empfehlung aus einer ganz anderen Hesse-Richtung - es flattert (auf dem Umschlag und zwischen den Seiten) bei
Hermann Hesse: Schmetterlinge. Erzählungen, Betrachtungen, Gedichte. Hg. und mit Nachwort versehen von Volker Michels. Insel-Bücherei Nr. 1348. Berlin 2011.
Wie Hesse in einem Brief von 1926 schrieb: "Ich habe zu Schmetterlingen und anderen flüchtigen und vergänglichen Schönheiten immer ein Verhältnis gehabt, während dauernde, feste und sogenannte solide Beziehungen mir nie geglückt sind."