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Vorace53 21. Juli 2012 · 10:27 Uhr 202 mal aufgerufen
Kategorie: Gesellschaft

Kreditlos (Albträume aus dem / im Sommerloch X und Schluss)

«Sie wollen wirklich dieses Haus ohne Kredit bezahlen?» fragte der Notar mit einem missbilligenden Unterton.

«Ja, natürlich», erwiderte ich, «ich habe das Geld auf der Bank.»

«Das wird Ihnen noch Probleme bereiten», sagte der Notar tadelnd.

Eine Woche später kaufte ich ein neues Auto, denn mein Nachbar wechselte seine Autos im Fünf-Monate-Rhythmus, und da wollte und konnte ich als sein Vorgesetzter ihm in meinem Lebensniveau nicht nachstehen.

«Wir bieten einen ausserordentlich günstigen Kredit über unsere Hausbank», bot der Autoverkäufer an und zeigte mir seine weissen, frisch getünchten Zähne.

«Nein, ich bezahle den Wagen sofort, ich brauche keinen Kredit.»

«Ich meine», sagte der Autoverkäufer und schaltete in den Modus des besorgten Onkels Emile aus dem Var um, «es tut doch nicht weh, zumal ja die Kreditsumme sofort zurückzahlen könnten.»

«Nein. Danke.»

«Das wird Ihnen noch erhebliche Probleme bereiten», bemerkte der Autoverkäufer bedauernd, «aber sagen Sie später nicht, dass man es Ihnen nicht gesagt habe.»

Ich zuckte mit den Schultern.

Im Supermarkt wollte ich noch einen neuen Fernsehapparat erstehen.

«Sie gehen bitte noch an unseren Kundenschalter», die smarte Verkäuferin zeigte auf ein Büro am Ende der drei Kilometer langen Halle, «dort regeln Sie die Einzelheiten des Teilzahlungskredits. Sie geben lediglich Ihr Bankkonto an und unterzeichnen eine Einziehungsermächtigung.»

«Was wäre», sagte ich, «und nur rein hypothetisch, wenn ich sofort mit meiner Kreditkarte oder Bargeld bezahlen würde ?»

Die smarte Verkäuferin zuckte zurück. «Bargeld ?» fragte sie gedehnt.

Ich nickte.

«Nach dem Geldwäschegesetz beziehungsweise dem achthundertundsechsundvierzigsten Anpassungsgesetz betreffend die Vorbeugung von Steuerhinterziehungsstraftaten sind Bargeldzahlungen, die einhundertunfünfzig Euro überschreiten, von uns zurückzuweisen.»

«Und die Karte ?»

«Dann», ihre strahlenden Augen gefroren zu Eisklumpen, «müssen Sie einen Auszug aus dem Strafregister, eine Bankgarantie sowie eine Erklärung Ihres Arbeitgebers vorlegen, in der er bescheinigt, Sie noch für einen Zeitraum von mindestens zwei Monaten zu beschäftigen.»

«Dann lassen wir es», sagte ich resignierend, «ich kaufe den Fernseher eben in Belgien.»

«Ich kann Sie daran nicht hindern», sagte die smarte Verkäuferin, «aber Sie sollten bedenken, dass Ihnen so ein kleiner netter laufender Teilzahlungskredit durchaus von Nutzen sein kann.»

Beinahe hätte ich diese kryptischen Bemerkungen vollkommen vergessen. Doch dann wollte ich einen Internetanschluss für das neue Haus.

«Wir können Ihnen keinen Anschluss gewähren», sagte der Mensch von Zitrone, dem einstmals im Staatsbesitz befindlichen Telekommunikationsunternehmen herzlich.

«Bitte?»

«Wie Sie sich denken können, haben wir Erkundigungen über Sie eingezogen. Sie sind bankmässig gesehen weder zuverlässig noch als solvent anzusehen.»

Ich lächelte noch und sagte dann: «Ich habe ein regelmässiges Einkommen, bin Beamter und habe zudem noch eine nicht ganz unerhebliche Erbschaft gemacht»

Der Mensch von Zitrone wandt sich. «Das mag ja alles sein, verstehen Sie, aber Sie haben keine Kreditvorgeschichte.»

«Natürlich nicht. Ich habe bisher noch keinen Kredit nehmen müssen.»

«Eben. Wir soll wir dann wissen, ob Sie regelmässig, das heisst monatlich die Flatrate bezahlen.»

«Aber wenn ich nun einmal über soviel Geld verfüge, um Ihr ganzes Ladenlokal wegzukaufen?»

Der Mann von Zitrone schüttelte den Kopf und hob den pädagogischen Zeigefinger. «Wenn Sie einen Kredit gehabt hätten, würden wir wissen, ob Sie regelmässig bezahlen, wie Sie auf Mahnungen reagieren oder ob Sie unerwartete Zinserhöhungen akzeptieren. So sind sind Sie aber ein unbeschriebenes Blatt.»

Ich sagte nichts.

«Sie wohnen in einem der reichsten Stadtviertel. Wenn Sie nun nicht regelmässig zahlen, hätten wir in diesem Umfeld Schwierigekeiten, mit einem Inkassounternehmen die ausstehenden Zahlungen einzutreiben. Sie könnten ja versucht sein, bewaffnete Bodygards zu rekrutieren, und die könnten dann unser Inkassounternehmen Leningrad neutralisieren.»

«Wenn ich Sie richtig verstehe» sagte ich, «dann würde es kein Problem machen, wenn ich zehn Kredite auf dem Hals hätte, in Zahlungsverzug steckte und drei oder vier Gerichtsvollzieher an meinen Rockschössen kleben würden?»

«Na ja, ein wenig übertrieben, aber im Prinzip zutreffend. Dann wüssten wir, woran wir sind und wie und vor allem wo wir Ihnen die Daumschrauben ansetzen könnten, wenn Sie verstehen, was ich meinen. Leuten wie Ihnen kann man keine weiteren Kreditverträge anbieten, sie zum Online-Glücksspiel verleiten oder Ihnen andere Produkte verkaufen.»

«Und wenn ich Ihnen jetzt eine Adresse in einem sozialen Brennpunkt anbieten würde?»

«Tja, dann würden wir uns schon fragen, was so einer wie S i e dort verloren habe. Vielleicht versuchen Sie der Justiz oder dem Fiskus zu entkommen oder gehören zur organisierten Kriminalität? Fragen über Fragen.»

Diese Bemerkung brachte das Fass zum Überlaufen. Ich verliess die Filiale von Zitrone und besorgte mir eine Decke und ein altes Blechfass. E-Mails schreibe ich jetzt mit Rauchzeichen vom Dach meines neuen Hauses. Interessant übrigens, wieviele Rauchzeichnen mir vom Horizont antworten.

Hat nebenbei bemerkt einen unschätzbaren Vorteil: Zensur ist bei Rauchzeichen schlecht möglich, sieht man übrigens sehr gut. Richtung Südosten, Damaskus zum Beispiel.

Und tschüss, Flatrate!

PS. Mein Blutdruck liegt jetzt zum ersten Mal seit Jahrzehnten unter 115 / 65 und ich schlafe jetzt durch - ohne Albträume.

Sommerlöcher können auch ganz nett sein, glauben Sie nicht ?

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widderjan 23. Juli 2012 · 14:25 Uhr

In Absurdistan würden die Sommerloch-Albträume glatt als nette Untertreibungen belächelt werden. :-)

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muzungumike 22. Juli 2012 · 15:01 Uhr

Schön getroffen und es zeigt mir, einem der eher dem Prekariat (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Prekariat) zu zu ordnen ist, welche Probleme ich NICHT habe.
Jeder kann selbst entscheiden, welche Welt er haben will oder für welche er sich einsetzt. Bei all dem fällt mir der Satz der alten Indianer ein, das man dieses Tauschmittel nicht essen kann und das Geld und seine Verwendungsmöglichkeiten ein schlechter Ersatz für das reale Leben ist. Aber darüber brauchen wir uns als ausstrebende Rasse ja keine Gedanken mehr machen...

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nickifischer 21. Juli 2012 · 23:55 Uhr

ja, ja

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alabama 21. Juli 2012 · 23:50 Uhr

ja amüsant ist es auch nur solange man nicht in irgendwelche Fänge gerät
das wünsche ich uns allen nicht

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Vorace53 21. Juli 2012 · 23:37 Uhr

@alabama, unsere heutige Welt, in der wir leben, und ein wenig extrapoliert, ist - verrückt. Es gibt eine Institution in Deutschland, welche von den Banken vor einer Kreditvergabe konsultiert wird (Ihr Name beginnt mit SCHU...). Auch Handyvertragsfirmen machen das. Und es lohnt sich einmal, einen Blick auf die Kriterien dieser Institution zu werfen, soweit sie in die Öffentlichkeit gedrungen sind

Bei uns sind wir noch nicht so weit, aber bisher haben wir vieles von unseren Nachbarn jenseits des Rheins übernommen...

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nickifischer 21. Juli 2012 · 23:25 Uhr

na ja, ist schon so. wer sich nicht preisgibt, könnte ja was zu verbergen haben. und wer was verbirgt, könnte gefährlich sein. und mit gefährlichen leuten will man lieber nicht anbandeln.
individuelles denken ist ja im job oftmals gar nicht erwünscht. deshalb hält man sich strikt an anweisungen, auch wenn das am ende recht lächerlich rüberkommt...

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alabama 21. Juli 2012 · 20:00 Uhr

verrückte Welt
sehr amüsant

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Lauramarie 21. Juli 2012 · 11:41 Uhr

Zur Sicherheit- falls du mein " gesendetes" Rauchzeichen wegen etwaigen Frühnebels nicht entziffern konntest :

VORACE.....MERCI!

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Schmunzeleule 21. Juli 2012 · 11:03 Uhr

Ja, es ist mühsam, wie sehr das "Kleider machen Leute" noch verankert ist. Zu den Zeiten, als ich regelmässig auf die Buchmesse gegangen bin... mit Anzug und Hut hatte ich am Ende des Tages mindestens 10 wunderbare Leseexemplare geschenkt bekommen. Mit Seitentaschen-Hose und Fleece musste man sogar die Personen am Stand direkt ansprechen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Und geschenkt bekommt man eh nichts. Schon eigenartig...

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yvokiwi 21. Juli 2012 · 10:51 Uhr

Hätte ich auch nicht. Selten ungeschickt, diese Verkãuferin oder ohne Menschenkenntnis.

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Schmunzeleule 21. Juli 2012 · 10:49 Uhr

... und mir ist neulich das Gegenteil passiert. Mit - zugegeben - nicht ganz sauberen Wandersachen in einem Geschäft gewesen und spontan in einen wunderschönen Schachtisch verliebt. Und dann habe ich nach dem Preis gefragt, der - wie sich herausstellte - nicht übermässig hoch war. Ich wollte gerade die Kreditkarte zücken, da musterte mich die Verkäuferin von oben nach unten und wieder nach oben und fügte an: "Natürlich können sie auch in Raten zahlen".
Ich habe den Tisch nicht gekauft.


(... und die unzensierten Rauchwolken von Damaskus waren wieder in der Kategorie: Autsch)

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yvokiwi 21. Juli 2012 · 10:38 Uhr

unbedingt!

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